Stefan in Ahrenshoop

Ahrenshoop Kur Ostsee Winter

Thursday, January 05, 2006

4. Tag - Anpassung

Ich merke, wie ich mich verändere. Ich passe mich an – die einzige Chance, bei guter Laune zu überleben. Ich habe ja auch nichts anderes zu tun, als aufzupassen, dass ich meine Termine rechtzeitig wahr nehme, die über den Tag verstreut sind. Danach ausruhen und auf den nächsten Termin warten: Essen, Reha, Massage, Krankengymnastik und um 16 Uhr wieder joggen am Strand. Daran kann man sich gewöhnen und es gibt wahrlich schlimmere Schicksale. Die Rundumversorgung tut ihre Wirkung und erzeugt Entspannung und ein Gefühl der Sicherheit, Sorglosigkeit und der Konzentration auf sich selber.

Am Essenstisch sitze ich mittlerweile allein mit einer alten, kleinen, rundlichen, hässlichen Frau. Ihre dünnen, grauen Haare stehen zu Berge, so wie bei Don King, dem Boxmanager. Dazu ein rundes, rotes Gesicht mit Schmollmund und gichtige Hände. Aber sie ist nicht dumm, wenn sie etwas sagt, stimmt es. Nur sagt sie nie mehr als einen Satz hintereinander. Während des Essens, also morgens, mittags und abends reden wir jeweils drei Sätze miteinander. Dann sagt sie: „Wünsche noch einen guten Tag, Nachmittag, Abend“, je nach Tageszeit, und geht. Der junge Mann vom 1. Tag hat sich an einen anderen Tisch versetzen lassen und schweigt jetzt dort vor sich hin. Ich glaube, er ist Autist.

Immerhin errege ich Mitleid. Eine Frau aus der 1. Essensgruppe hat mein Schicksal bemerkt, sich mit mir unterhalten und heute lagen verschiedene Prospekte wie „Ahrenshoop – Gästelotse 06“ auf meinem Platz, die sie mir hingelegt hat. Fand ich sehr nett. An anderen Tischen wird zum Teil heftig miteinander geredet und gelacht. Habe erfahren, dass die Klinik früher ein FDGB-Heim war, Erholungsheim für die Arbeiter bei Buna-Leuna, dem größten Chemie-Komplex der DDR. FDGB heißt Freier Deutscher Gewerkschaftsbund, der hat früher solche Heime unterhalten. Für 100 Mark wurden die Kollegen hier für 14 Tage untergebracht.

Nach der Wende wurde der Betrieb von der Damp-Gruppe übernommen und renoviert und ausgebaut. Das Unternehmen läuft gut, selbst jetzt im Januar ist es fast ausgebucht und ich schätze mal, dass es an die 300 Betten gibt. Vielleicht zwei Drittel Kurgäste oder Reha-Patienten und ein Drittel Selbstzahler, die ihren Aufenthalt selber bezahlen oder ihren Partner begleiten. Hauptsächlich kommen die Leute aus der Umgebung oder aus Berlin, auch aus West-Berlin. Ansonsten wenig Wessis.

Heute abend habe ich an einem Skat-Turnier teilgenommen. Habe den 3. Platz erreicht – Glück bei den Karten – und einen Faber-Castel Kugelschreiber gewonnen. War lustig, Rentnerskat, keine wirklichen Profis dabei, eine unglaublich dicke Frau hat gewonnen. Sie konnte nicht einmal die Geschenke selber tragen. Alle haben gelacht und sich für sie gefreut. Anschließend saß ich an meinem Tisch noch und wir tauschten unsere Krankengeschichten aus: Herzinfarkt, Hüftoperation, Prostata-Krebs, Magenkrebs usw.

Außerdem habe ich im Ort ein Fahrrad ausgeliehen, 28-Damenrad mit Drei-Gang Nabenschaltung und dicken Reifen. In der Kurklinik haben sie auch Räder, aber die leihen sie nicht aus, weil die Radwege nicht geräumt sind. Ich habe mich beschwert, dass sie Fußgänger und Autofahrer rauslassen, nur die Radfahrer nicht, aber es hat nichts genutzt. So habe ich das Rad bei einem Radhändler geliehen. Der hat den ganzen Laden voll mit Rädern, wollte sie aber nicht „entmotten“. So musste ich das lahme Damenrad nehmen. Er hat es mir einfach gegeben, Sonntag in 1 Woche soll ich es zurück bringen. Kein Vertrag, kein Ausweise vorlegen. Das haben Sie das Rad, hier ist noch ein Schloß und Tschüss. Fand ich natürlich toll.

Eigentlich wollte ich Fotos von meinen Tischnachbarn und Sportkollegen machen, aber ich habe Hemmungen sie so abzulichten und dann im Internet bloß zu stellen. Irgendwie würde ich sie missbrauchen und der Gedanke gefällt mir nicht. Muß mir irgendetwas Neutrales, nicht Diffamierendes überlegen, weil einen Eindruck von den Personen soll man schon bekommen.