Stefan in Ahrenshoop

Ahrenshoop Kur Ostsee Winter

Monday, January 16, 2006

15. Tag – Gedanken

Am Deich heute nachmittag, 16.1.2006



Die meisten Neuankömmlinge in der Klinik sind erst mal geschockt, wenn sie den 1. Tag da sind. Natürlich die vielen Alten, aber auch das straffe Regelement, das Küchenpersonal, das die Tische deckt und wieder abräumt und dabei ein ziemlich robustes Kollektiv bildet, der feste Sitzplatz zu vorgegebenen Zeiten, das alles ist ungewohnt. Aber man gewöhnt sich daran und stellt dabei schnell fest, dass man nicht der Einzige ist, dem es schlecht geht. Selbstmitleid bringt nicht viel, weil es den anderen auch nicht gut geht. An meinem Tisch sitzen jetzt ein Herzinfarkt, eine Gehirntumor, ein Darmkrebs und was die Neue hat, wissen wir noch nicht. Was angenehm ist, dass die Leute im großen und ganzen sehr mitfühlsam und hilfsbereit miteinander umgehen. Für die jüngeren wie mich ist ja auch in Blick in die eigene Zukunft. In 20 Jahren werde ich mich womöglich auch nur noch im Rollstuhl bewegen können oder mich mit Krebs rumplagen müssen. Der Klinikalltag zeigt einem, dass dies keine ungewöhnlichen Schicksale sind.



Eiswüste, die Walking-Gruppe kämpft sich durch


Man sieht auch viele ernste Gesichter von Menschen, die Schmerzen haben oder lebensverändernde Eingriffe hinter sich haben. Ein Seemann, vielleicht 45 Jahre alt, aus meiner Walkinggruppe z.B. hat einen Schlaganfall hinter sich. Das ganze Leben ändert sich zwangsweise. Für diese harten Schicksale insgesamt ist die Atmosphäre in der Klinik eigentlich recht gut, was sicher auch am Konzept der Klinik und dem Personal liegt, das sich Mühe gibt, den Leuten zu helfen.



Buhnen mit vereisten Köpfen


Das Konzept ist eine gute Grundversorgung mit Essen, Wohnen und Anwendungen; ein formal straffer Tagesablauf und ansonsten können die Leute machen und denken, was sie wollen. Den meisten ist das recht so. Eine große Aufarbeitung beim Einzelnen, was die Ursachen seiner Erkrankung sein könnten, welches die psychischen oder sozialen Bedingungen der Erkrankung sind, findet nicht statt. Das bleibt jedem einzelnen überlassen. Ansonsten halt Ostsee, Wälder, Luft und Ruhe.





Stefan beim Tischtennis