Stefan in Ahrenshoop

Ahrenshoop Kur Ostsee Winter

Sunday, January 15, 2006

14. Tag – Die Zukunft liegt am Schweriner See

Heute stoße ich in das Landesinnere vor.

Version I.

Wie wohnt der Mecklenburger/Pommerer an und für sich? Ich habe ungewöhnliche, kaum glaubliche Entdeckungen machen müssen. So wie der durchschnittliche Ureinwohner hier lebt, kann man sich kaum vorstellen. Es geht schon mal damit los, dass der Mond einfach vergisst, unterzugehen. Er scheint am helllichten Tag morgens um 9 Uhr einfach weiter- und das bei minus 7 Grad.









Mond über der Ostsee






Parallel dazu geht die Sonne auf. Ja, gibt´s denn so was? Vorne Sonne, hinten Mond und das ganze Land vereist.



Sonne überm Bodden



Von meiner geliebten Bahnstation Ribnitz-Dammgarten-West stoße ich mit der Bahn bis Rostock vor. Dort hält der Zug eine Viertelstunde und fährt in der gleichen Richtung, in die er in den Bahnhof hineinfuhr wieder hinaus. Sehr merkwürdig, wie hier die Züge fahren. Irgendwie erreiche ich trotzdem das Ziel, ein kleines Dorf am Schweriner See.

Dort erwartet mich eine Einheimische. Das Kind hat sie bei einer Auktion in Rostock günstig ersteigert. Stolz hält die Frau die frische Beute im Arm. Das Kind weiß gar nicht wie ihm geschieht und schaut verschämt zu Boden.








Störtebeckers Nachfolgerin mit frischer Beute




Dann werde ich in das 200 Jahre alte Haus geführt. So wohnen sie hier also! Die Treppe ist aus angeschwemmten Holzresten, die der Schweriner See von unglücklichen Urlauberbooten übrig gelassen hat, zusammen geleimt.










Treppe wohin?











Das Arbeitszimmer hat nur laute alte Bücher. Auf dem Tisch liegen die drei Bände von „Das Kapital“ von Karl Marx. Sie sind von der letzten Vorlesestunde für das kleine Kind liegen geblieben.










Vorlesestube für "Das Kapital"



Am Esstisch sammeln sich rechts in der Ecke Schuhe ehemaliger Gäste an. Man sieht sie aber nicht, ihr weiteres Schicksal bleibt im Ungewissen.








Hier werden Pläne geschmiedet und Schuhe gesammelt




Statt richtiger Heizungen haben die Mecklenburger Öfen, die sie mit Holz heizen. So machen sie sich unabhängig und wenn der Rest der Welt alles Öl verbrannt hat, dann heizen sie immer noch mit Holz und lachen sich einen. So geschickt sind sie!













Innerlich habe ich aufgeatmet als ich wieder richtig moderne Bauten gesehen habe, wie diesenschmucken Wartesaal in Ribnitz-Dammgarten-West. Noch mal davon gekommen aus dieser Mischung von Seeräubern und DDR!















Den Blick des kleinen Kindes zum Abschied, das mir sehnsüchtig hinter her schaut, werde ich nicht vergessen. Gedankenverloren finde ich mich wieder in meiner sicheren Trutzburg, garantiert frei von Kindergeschrei und Menschen unter 50 Jahren, in der Reha-Klinik ein.









Sag zum Abschied, leise Servus!





Version II.

Ein wunderbarer Tag: kalt, klare Luft und Sonne. Ich besuche eine Kollegin von mir, die am Schweriner See wohnt.

Bei der Hinfahrt stoße ich auf eine Szene wie aus „Ditsche“. Im Wartesaal des Bahnhofs Ribnitz, der außen rund ist und innen einen Kiosk und eine paar Sitzmöbel enthält, sitzen morgens um 9 Uhr die ersten Gäste. Weißes Neonlicht, gefließte Wände, Plastiktische. Die Gäste trinken Bier, hinterm Tresen macht die Wirtin die Bockwurst warm. Der letzte Tag wird noch mal durchgegangen, wer wann gekommen und gegangen ist, dass der „Berliner“ ein Lügner ist und gar keine Jacht hat, dass der Paul gerade im Auto vorbei gefahren ist und nicht gegrüßt hat, und er sei sowieso ganz unsympatischer Mensch geworden, wem die Katze gehört, die da vorne über die Straße läuft, usw.

Ich muß 50 Minuten auf den Zug warten und versuche die Süddeutsche Zeitung zu lesen. Während ich mit halben Ohr dem Dialog zuhören muß (es wird laut und mit hartem Dialekt gesprochen), lese ich in einem Artikel über die neue Krimi-Serie der SZ Sätze wie:

„Der Detektiv gehört selbst unter die Dämonen, gegen die er kämpft; seine exzeptionelle Kraft der Analyse ist vom selben geistigen Schlag wie die verbrecherische Energie der Mörder. Nur darum durchschaut er sie und vermag er sie zu stellen, weil auch sein Intellekt die Züge rücksichtsloser Ungebundenheit trägt. Die Gesellschaft, die er schützt, muss sich glücklich preisen, dass er auf ihre Seite zu stehen kam, dass er sozusagen auf der Wasserscheide der hohen kühnen Einsamkeit nach ihrer Seite hin abfloss und nicht dem Abgrund des Verbrechens zu“.

Und:
„Dann, in diesem zweiten Fall (der Autor spricht vom fehlenden Familienglück der Detektive), geistern die entfremdeten Ehepartner und vernachlässigten Sprösslinge wie alte im Körper eingeschlossene Kugeln, die bei Wetterumschlag schmerzen, durch die je frischen Fälle und skizzieren jenseits von ihnen etwas, das man in seiner kläglichen Traurigkeit einen Lebenslauf doch kaum nennen mag.“

Herrliche Sätze in wunderbarem Deutsche, auf die man sich aber konzentrieren muß und dazu eben die Kommentare und Sprüche der „Ditsche-Truppe“.
Dann kommt der Zug, die Kollegin holt mich am Bahnhof ab und stellt mir ihr Refugium vor. Mit ihrem Mann und Freunden haben sie ein altes Haus wieder hergerichtet und ein kleines Schmuckstück daraus gemacht. Es gefällt mir wunderbar, ein Haus zum lieb haben und wohlfühlen. Das Haus steht in einem ganz kleinen Dorf mit fünf, sechs anderen Häusern, umgeben von See, Wald und Wiesen. Die nächste Ansiedlung ist kilometerweit entfernt. Wir gehen mit dem Kind spazieren, trinken Kaffee und reden über alte Häuser, Kinder und wie wichtig uns die Arbeit ist. Dann fährt sie mich wieder zum Bahnhof, der letzte Bus nach Ahrenshoop fährt früh, ich muß zeitig weg.

Auf der Rückfahrt lese ich noch einen Bericht in der Süddeutschen über eine Tagung in Tutzing mit dem Thema „Wenn der Moderne der Sprit ausgeht“. Es wird darauf verwiesen, dass der „Peak of Oil“, die Spitze der Öl-Förderung erreicht ist und überlegt, was die Folgen und Auswirkungen in den nächsten Jahren sein werden. Der Schlussabsatz, und da muß ich eben an diese kleine, relativ autarke Siedlung am Schweriner See denken, lautet:

„Wo stehen wir: bei Restgrün, Spätorange? Oder schon an der roten Ampel, am Vorabend der postfossilen Gesellschaft? Der vielfach zitierte Colin Campbell, zeitlebens in Diensten der Erdölindustrie meint, die Party sei vorbei. Die Überlebenden, so in einem neueren Interview, würden in kleinen agrarischen Verbänden vor Ort leben, ohne Welthandel, ohne Massentourismus, ohne Autovielfahrerei. Transfiguration bedeute daher nicht mehr Erhöhung und Verklärung, sondern radikale Umwandlung motorisierter Automobilität.“ (SZ, 14.1.2006).

So geht ein schöner Tag in wunderbarer Landschaft, dem Besuch einer Kollegin, die ich bisher nur beruflich kannte und vielen nachdenkenswerten Sätzen aus der SZ vorbei. In der Klinik wieder angekommen, spielen wir noch eine Runde Tischtennis und jetzt freue ich mich auf die kommende Woche!